EWG & Biodizionario im Check: Gefahr ist nicht gleich Risiko
EWG Skin Deep und Biodizionario zeigen einen Score pro Produkt an. Beide prüfen die INCI-Liste und markieren Stoffe mit bekanntem Gefahrenpotenzial aus wissenschaftlichen Studien. Das sagt nichts über das tatsächliche Risiko im fertigen Produkt aus. Ein Stoff kann als gefährlich gelten und trotzdem sicher angewendet werden, je nach Dosis.
Genau hier liegt der Denkfehler. Gefahr bedeutet: Ein Stoff kann theoretisch schaden. Risiko bedeutet: Wie wahrscheinlich ist der Schaden bei tatsächlicher Nutzung? Parabene zum Beispiel stehen oft auf der Verdachtsliste, weil sie als endokrine Disruptoren diskutiert werden. In der zugelassenen Konzentration bewertet die Wissenschaft sie als unbedenklich.
Beide Tools kennen weder die Konzentration einzelner Kosmetikinhaltsstoffe noch die Formulierung als Ganzes, weshalb Sie INCI-Listen direkt online überprüfen können. Beide Skalen zählen damit eher, als dass sie bewerten. In der EU entscheidet über Sicherheit die Verordnung (EG) Nr. 1223/2009. Der SCCS bewertet Risiken wissenschaftlich, das BfR berät Behörden in Deutschland dazu. Diese Prüfung folgt dem Dosis-Wirkungs-Prinzip und keiner simplen Ampel pro Inhaltsstoff.
EWG Skin Deep und Biodizionario: Was steckt hinter den Zahlen?
Beide Systeme kennen Sie wahrscheinlich aus Apps oder Blogpost-Listen. Doch was messen sie eigentlich genau? Ein Blick auf die Mechanik zeigt: Beide sind private Projekte und keine Behörden.
EWG Skin Deep im Überblick
Die Environmental Working Group ist eine US-amerikanische Nichtregierungsorganisation, die im Jahr 1993 gegründet wurde. Ihre Datenbank Skin Deep vergibt für jeden Inhaltsstoff einen Hazard-Score von 1 bis 10. Aus den Einzelwerten aller Kosmetikinhaltsstoffe entsteht dann ein Gesamtwert für das Produkt. Dazu kommt ein Label zur Datenlage, das von "limited" bis "robust" reicht. Das zeigt, wie viele Studien zu einem Stoff überhaupt vorliegen, und nicht wie riskant er tatsächlich ist.
Biodizionario: die italienische Farbskala
Biodizionario stammt von Fabrizio Zago, einem italienischen Kosmetikchemiker. Statt einer Zahl vergibt das System pro Inhaltsstoff eine Farbmarkierung: von Doppelgrün über Grün, Gelb und Rot bis Doppelrot. Die Einstufung leitet sich aus der INCI-Bezeichnung ab und fasst Aspekte wie Reizpotenzial, Allergiegefahr und Umweltbelastung zu einer einzigen Gesamtbewertung zusammen.
Gefahr ist nicht gleich Risiko: die zentrale Verwechslung
Hier liegt der Denkfehler, den viele Nutzer machen. Gefahr beschreibt die theoretische Fähigkeit eines Stoffes, unter bestimmten Bedingungen Schaden zu verursachen. Risiko ist etwas anderes: die Wahrscheinlichkeit eines tatsächlichen Schadens bei der real vorliegenden Exposition. Toxikologen fassen das seit Paracelsus so zusammen: Die Dosis macht das Gift. Genau dieses Dosis-Wirkungs-Prinzip fehlt bei EWG Skin Deep und Biodizionario komplett.
Beide Systeme vergeben nur einen Hazard-Score. Sie fragen, ob dieser Stoff theoretisch schaden kann. Sie fragen nicht, wie viel davon in Ihrer Creme steckt und wie oft Sie sie auftragen. Die INCI-Liste zeigt die Reihenfolge nach Menge, aber keine genauen Prozentzahlen. Ein Hazard-Score kennt diese Menge also gar nicht.
Ein Beispiel macht das greifbar. Ein Konservierungsstoff wie ein Paraben kann bei Biodizionario rot markiert sein. In der Praxis steckt er oft nur in einer Konzentration von 0,3 oder 0,4 Prozent im Produkt, streng begrenzt durch die Verordnung (EG) Nr. 1223/2009. Bei dieser Menge ist das reale Risiko meist verschwindend gering. Auch bei endokrinen Disruptoren gilt: Die Debatte dreht sich fast immer um Dosis und Aufnahmeweg, nicht um die bloße Anwesenheit des Stoffes.
Für die breite Masse an Kosmetikinhaltsstoffen reicht diese Einordnung meist aus. Bei bekannten Allergien oder empfindlicher, vorgeschädigter Haut sollten Sie sich aber nicht auf eine App verlassen. Fragen Sie in solchen Fällen einen Dermatologen oder Facharzt.
Wie die EU-Kosmetikverordnung Sicherheit tatsächlich prüft
In der EU darf kein Kosmetikprodukt ohne Sicherheitsprüfung auf den Markt. Das regelt die Verordnung (EG) Nr. 1223/2009. Sie schreibt vor: Jedes Produkt braucht einen Sicherheitsbericht, den ein qualifizierter Safety Assessor erstellt. Diese Person prüft nicht nur einzelne Kosmetikinhaltsstoffe, sondern die fertige Formel.
Der Safety Assessor kennt die genaue Konzentration jedes Stoffs. Er bewertet auch, wie das Produkt benutzt wird. Bleibt es auf der Haut wie eine Creme oder wird es abgespült wie ein Shampoo? Auch Hauttyp und Anwendungshäufigkeit fließen ein. Das ist echte Risikobewertung nach dem Dosis-Wirkungs-Prinzip und kein reiner Hazard-Score für einen isolierten Stoff.
Für die toxikologische Einschätzung nutzt der Assessor wissenschaftliche Gutachten des SCCS, des Wissenschaftlichen Ausschusses für Verbrauchersicherheit der EU. Der SCCS bewertet zum Beispiel Parabene oder mögliche endokrine Disruptoren auf Basis aktueller Studien. In Deutschland ergänzt das BfR diese Arbeit mit eigenen Risikoeinschätzungen.
Genau hier liegt der Unterschied zu EWG Skin Deep oder Biodizionario. Beide Apps sehen nur die öffentliche INCI-Liste auf der Verpackung. Die Product Information File mit Konzentration, Formel und Expositionsdaten bleibt intern. Eine Skala, die nur die INCI-Liste liest, kann diese Akte nicht ersetzen, weil sie sie nie zu Gesicht bekommt.
Bekannte Schwachstellen der Scoring-Methodik
EWG Skin Deep und Biodizionario haben klare Schwächen. Wer die Zahlen versteht, kann sie besser einordnen.
Ein Problem bei der Recherche ist die Namensvielfalt, die sich in einer umfassenden Inhaltsstoff-Datenbank leicht nachschlagen lässt. Ein Kosmetikinhaltsstoff kann unter mehreren INCI-Namen auftauchen. Manchmal ist es ein Rohstoffname und manchmal eine chemische Bezeichnung. Beide Datenbanken prüfen oft nur eine Version. Das gleiche Molekül bekommt so unterschiedliche Werte, je nachdem, welcher Name auf der Verpackung steht. Das ist eine strukturelle Lücke in der Methodik.
Ein zweites Problem betrifft fehlende Daten, die vorsichtig behandelt werden. Ein Stoff mit wenig Studien bekommt oft einen höheren Hazard-Score. Das klingt logisch, ist aber eine Designentscheidung. Wenig Daten heißen nicht automatisch, dass der Stoff riskant ist. Genau das ist der Kern der Verwechslung von Gefahr und Risiko.
Ein dritter Punkt: Beide Tools schauen nur auf einzelne Kosmetikinhaltsstoffe. Dermatologische Tests am fertigen Produkt, wie sie Hersteller in Europa durchführen, fließen nicht ein. Auch die Wirksamkeit einer Creme oder Lotion wird nicht bewertet. Eine reine Inhaltsstoff-Skala sagt nichts darüber, ob ein Produkt hält, was es verspricht.
Trotzdem sind beide Apps nützlich, etwa um Allergene nachzuschlagen oder INCI-Listen lesen zu lernen. Als alleinige Sicherheitsaussage taugen sie nicht. Diese Rolle bleibt SCCS und BfR vorbehalten.
Wie Verbraucher die Scores sinnvoll einordnen
Ein Score aus EWG Skin Deep oder Biodizionario ist kein Urteil. Er ist ein Startpunkt für Ihre eigene Recherche. So gehen Sie in vier Schritten vor.
- Nutzen Sie den Score als Anstoß und nicht als Endergebnis. Ein hoher Hazard-Score bedeutet nur, dass ein Stoff theoretisch ein Gefahrenpotenzial hat.
- Checken Sie die Position in der INCI-Liste. Stoffe stehen nach Menge geordnet. Steht der auffällige Inhaltsstoff weit hinten, ist die Konzentration meist gering.
- Schauen Sie bei Allergien gezielt hin. Menschen mit empfindlicher Haut sollten auf deklarationspflichtige Duftallergene wie Limonen oder Linalool achten.
- Ergänzen Sie unabhängige Quellen. Ziehen Sie SCCS-Gutachten oder Einschätzungen des BfR hinzu, bevor Sie einen Inhaltsstoff pauschal meiden.
Ein Beispiel aus der Praxis: Parabene tauchen in vielen Apps als kritisch auf, weil sie unter Verdacht standen, als endokrine Disruptoren zu wirken. Der SCCS hat einzelne Parabene wie Propyl- und Butylparaben in den zugelassenen Konzentrationen als sicher bewertet. Wer nur den Score liest, verpasst diesen Unterschied zwischen Gefahr und Risiko.
Häufig gestellte Fragen
Ist ein hoher EWG- oder Biodizionario-Score ein Beweis für ein gefährliches Produkt?
Nein. Ein hoher Score zeigt, dass mindestens ein Inhaltsstoff in der wissenschaftlichen Literatur mit einem theoretischen Gefahrenpotenzial verknüpft ist. Er sagt nichts darüber aus, in welcher Konzentration der Stoff im Produkt tatsächlich enthalten ist oder wie hoch die reale Exposition beim Gebrauch ist.
Prüfen EWG und Biodizionario die Konzentration der Inhaltsstoffe?
Beide Systeme werten primär die INCI-Liste aus, also welche Stoffe enthalten sind, und nicht in welcher genauen Menge. Die Position in der INCI-Liste gibt nur einen groben Hinweis auf die Reihenfolge der Konzentration, aber keine exakten Prozentwerte.
Wer prüft in der EU tatsächlich, ob ein Kosmetikprodukt sicher ist?
In der EU verlangt die Verordnung (EG) Nr. 1223/2009 eine verpflichtende Sicherheitsbewertung jedes Produkts durch einen qualifizierten Sicherheitsbewerter, bevor es in den Verkehr gebracht werden darf. Diese Bewertung berücksichtigt die vollständige Formel, Konzentrationen und reale Anwendungsbedingungen.
Sind EWG Skin Deep und Biodizionario dann nutzlos?
Nein, sie können hilfreich sein, um sich über einzelne Inhaltsstoffe zu informieren oder bekannte Duftallergene zu identifizieren. Problematisch wird es nur, wenn Sie den Score als alleiniges Sicherheitsurteil über ein Produkt missverstehen.
Quellen
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